Die Republik Venedig

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    Abb. 1: Der Markuslöwe an der Westfassade der Basilica di San Marco.

    Venedig als Kolonial-und Handelsmacht? Denkt man heute an die großen Handelsnationen der frühen Neuzeit, so kommen einem zuerst Spanien und Portugal in den Sinn, später dann in der Neuzeit vor allem Großbritannien. Doch auch das heute im Verhältnis zu anderen europäischen Städten kleine Venedig war einst eine bedeutende Handelsmacht auf dem Meer. Die heutige Einwohnerzahl in der Stadt selbst schwankt zwischen 75000-80000, in der Frühen Neuzeit lag sie teilweise bei 180 000 im Stadtgebiet. Die venezianische Republik beherrschte große Teile der Adria, u.a. Kreta und Zypern. Venedig bedeutet also viel mehr als nur Gondeln in keinen Kanälen, Tagestourismus durch Kreuzfahrtschiffe, Amore und schöner Architektur. Venedig, das war auch Kultur, Geschichte und Kolonien im östlichen Mittelmeer der frühen Neuzeit. Was früher und heute jedoch verbindet ist die wirtschaftliche  Abhängigkeit vom Mittelmeer, welche bis heute erhalten blieb und Venedigs Überleben sichert....vorausgesetzt, der Klimawandel lässt die Stadt in der Zukunft nicht im Meer versinken.

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    Der Markuslöwe

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    Abb. 4: Der Evangelist Markus mit dem Markuslöwen am Dogenpalast.

    Der Markuslöwe war das Symbol der Republik Venedig. Er machte ihre Herrschaft weit über das eigentliche Stadtgebiet und die Lagune sichtbar. Er kennzeichnet sich durch das Aussehen eines Löwen mit Flügeln auf dem Rücken, auf Bildern mit einem Heiligenschein,  oftmals auch in Kombination mit der Figur des heiligen Evangelisten Markus, von dem sich der Name ableitet. Der Löwe dient bis heute als Schutzpatron und Symbol der Stadt sowie dem Machtanspruchs Venedigs. Hier zu sehen ist der Markuslöwe am Dogenpalast, dem Sitz des Dogen und der Regierung der Republik. Der heutige Dogenpalast wurde im 14. Jahrhundert errichtet, fiel jedoch im 15. Und 16. Jahrhundert Bränden zum Opfer und musste somit restauriert werden. Im Inneren war der Palast mit Kunst und Allegorien ausgestattet, welche auch nach den Bränden zum großen Teil erneuert wurde. Der Palast diente als Versammlungsort des großen Rates der Republik und seine Fassade ersteckte sich entlang der Küste zum Meer hinaus, sodass diese Gotische Prachtbaut schon von weitem für Fremde vom Wasser aus zu erkennen gewesen ist.

    Abb. 5: Eines der Kunstwerke im Dogenpalast zeigt den Markuslöwen, gemalt 1516 von Vittore Carpaccio (1465-1526), welcher mit seinen Hinterpfoten im Wasser steht und mit seinen Vorderpfoten sich an Land befindet und ein Buch mit der Inschrift „ PAX TIBI MARCE EVANGELISTA MEUS“ trägt, welches übersetzt: „Friede sei mit Dir, Markus, mein Evangelist“ bedeutet. Damit steht der Löwe symbolisch für die Verbindung Venedigs mit dem Meer und der restlichen Welt.

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    Wirtschaft

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    Abb. 6: Handelswege der Republik Venedig und der Konkurrenzstadt Genua.

    Sie sehen hier die einzelnen Seewege von venezianischen Händlern im Mittelmeerraum. Zu erkennen ist, dass ihre Wege sie dabei über den Mittelmeerraum hinaus bis in den Nordatlantik führten und das Schwarze Meer. 

     

    Eingezeichnet sind ebenfalls die Handelswege der Stadt Genua. Genua konkurrierte mit Venedig politisch und wirtschaftlich. Venedig baute Handelsrouten vom Schwarzen Meer, dem Osmanischen Reich und Afrika bis nach Nordeuropa auf. Das Besondere ist hierbei, dass Venedig mit muslimischen Ländern Handel treiben durfte, was normalerweise von der katholischen Kirche anderen Nationen nicht gestattet gewesen ist und somit einen bedeutenden Vorteil für Venedig bedeutete. 

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    Venedigs Kolonien

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    Abb. 7: Hier zu sehen die kolonialen Gebiete der Republik Venedig im Laufe der Zeit.

    Venedig konnte über die Jahre einige Kolonien vor allem an der westlichen Küste des heutigen Kroatiens, Albaniens und Griechenlands erschließen. Während nahe gelegene Kolonien wie Istrien, Damatien und Cattaro lange kontrolliert werden konnten, blieben andere wie Negroponte/Euböa nur kurz bestehen. Besonders wichtig waren dabei Inselkolonien wie Kreta und Zypern. In Städten an der istrischen Küste wurde eine vergleichbare städtische politische Ordnung errichtet wie in Venedig selbst, während die Inseln durch ein straffes hierarchisches Verwaltungssystem beherrscht wurden, bei dem die griechische Bevölkerung auch bedingt durch den konfessionellen Unterschied zwischen lateinischem Katholizismus und griechisch orthodoxer Kirche keinerlei politische Mitspracherechte genossen. 

    Als Zeichen der Herrschaft diente auch hier der Markuslöwe, der überall dort zu finden ist, wo Venedig Einfluss besessen hatte. So sehen sie hier einen Markuslöwen aus Dubrovnik/Ragusa als Beispiel der Venezianischen Herrschaft.

    Abb. 8: Caterina Cornaro.

    Auch das Königreich Zypern stand im späten 16. Jahrhundert bis ins 1571 unter venezianischem Einfluss. Caterina Cornaro(1474 bis 1489)war die letzte Königin von Zypern. Sie stammte aus Venedig, verfügte aber durch ihre Abkunft und Eheschließung Herrschaftsansprüche auf die zypriotische Krone. Sie wurde durch die Republik symbolisch adoptiert, die sich auf diese Weise das Anrecht an Zypern sicherte. Im Jahre 1571 fiel Zypern trotz des Siegs der vereinten christlichen Streitkräfte in der Schlacht von Lepanto unter Osmanische Herrschaft. Venedig hielt nichts desto trotz den Anspruch an seine Krone bis zum Ende der Republik aufrecht, da es sich so die Gleichrangigkeit mit anderen gekrönten Häuptern in Europa sicherte. 

    Abb. 9: Als weiteres Beispiel für den Einfluss von Venedig sehen Sie hier einen Markuslöwen an der Pfarrkirche in Lapin (Istrien/Kroatien). Diese Region stand bis zum Ende der Republik Venedigs unter dessen Kontrolle und erfuhr in dieser Zeit eine wirtschaftliche Blüte.

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    Das Ende und Erbe der Republik

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    Abb. 10: Neptun opfert Venedig seine Schätze; Gemälde von Giovanni Battista Tiepolo (1759).

    Zitat Goethe (5. Oktober 1829): “Heute früh war ich im Arsenal, mir immer interessant genug, da ich noch kein Seewesen kenne und hier die untere Schule besuchte; denn freilich sieht es hier nach einer alten Familie aus, die sich noch rührt, obgleich die beste Zeit der Blüte und der Früchte vorüber ist.“

     

    Venedig etablierte sich nicht im Kreis der global agierenden Handelsmächte der Republik der Vereinigten Niederlande und der britischen Krone. Während der Napoleonischen Kriege drohte ein Einmarsch Napoleons in Venedig, sodass der große Rat und die weiteren Institutionen Venedigs sich selbst aufgelöst hatten, nachdem bereits der letzte Doge Ludovico Manin (1725-1802) sein Amt niedergelegt hatte. Die Republik Venedig fiel an Frankreich und dann an Österreich. Infolge dessen wurde auch der Bucintoro von französischen Truppen aus dem Arsenal gestohlen und zerstört, wodurch die einstigen glorreichen Zeiten Venedigs auch symbolisch ihr Ende fanden. 

    1848 kam es nochmal zu einer Revolution bei welcher die „Republika di San Marco“ ausgerufen wurde, jedoch wurde Revolution 1849 von österreichischen Truppen zerschlagen. 1866 fiel Venedig dann nach dem zweiten Einigungskrieg, dem „Deutsch-Deutschen Krieg“ zwischen Preußen und Österreich an das Königreich Italien, welches 1861 ausgerufen wurde.

    Abb. 11: Marineflagge Italiens.

    Heute gehört die Republik Venedig zu Italien und geht dort im kulturellen Erbe des Landes auf. Nicht nur die Statuen der Markuslöwen in der Welt haben als Zeichen der ehemaligen Hoheit Venedigs überlebt, auch Italien führt den Markuslöwen bis heute in ihrer Marineflagge und ehrt damit die ehemalige Bedeutung Venedigs für das Mittelmeer und damit auch den Symbolwert des Markuslöwens. 

    Bis heute wird Venedig auf Grund seiner Geschichte oft von politisch radikalen Kräften in Italien missbraucht:

    So hissten 1997 (200 Jahre nach Ende der Republik Venedig) acht Männer der Gruppierung „Serinissimi“ am Glockenturm von San Marco die Kriegsflagge Venedigs und wurden dafür bis zu 6 Jahren Haft verurteilt, jedoch jeweils nach einem Jahr wieder freigelassen.  Vor der letzten Europawahl 2014 besetzte schlussendlich eine Gruppe namens „ L´Allianza“ den Markusplatz mit Waffen und einem von aus einem Bagger selbstgebauten Panzer. Hierbei wurden 24 Verdächtige unter dem Tatverdacht der terroristischen Verschwörung und des unterwandern der demokratischen Ordnung vorläufig festgenommen. Beide Gruppen verfolgten das gemeinsame Ziel einer Unabhängigkeit Veneziens vom restlichen Italien mitsamt einer eigenen autonomen Regierung.